September 2006


wieder einmal hätte ich gern so ein zeitungsinserat online gefunden. diesmal ist wenigstens der text zu haben. ist ja immerhin ein bisschen selbstlos, freiwillig und gratis werbung zu machen, ist es nicht? von ählichen patenschaften habe ich anderswo übrigens auch schon gelesen. wer wissen möchte, wie ein zeitungsartikel ohne e oder t odrso ausschaut, kaufe sich jetzt eine woz. wer sich das auch so vorstellen kann, möge sich getrost in grosse unkosten stürzen – es ist ja schon bald ein traditionsblatt ;-)

Buchstabenpatenschaft
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gestern die kinder verschenkt und auf eine wanderung in den voralpen aufgebrochen. absichtlich keinerlei radio gehört, obschon wir wussten, was da zu hören gewesen wäre. danach immer noch die aktualität ignorierend ein letztes mal im garten gegessen, dankbar, dass die kinder gegen 100.- zurückgekauft werden konnten …

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etwas wurmt mich aber im nachhinein. wir wissen nicht WIE er reagiert hätte, wenn wir noch näher ran wären …

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fanden wir es angebracht, etwas angenehmes zu erleben und machten uns auf, einen wellnessgutschein (sauna und erlebnisduschen) einzulösen. wieder zuhause blieb ich bei folgender geschichte hängen und werde deshalb vollends body & mind relaxed der neuen woche entgegenschlummern ;-)

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Gedanken

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ich gehe heute auf eine hochzeit und freue mich sehr für die beiden und aufs rauschende fest. passend dazu hat heute frau xirah dieses animierte blümlein erhalten und ich erlaube mir, es auch zu verwenden. allerdings geht “es” so schnell, dass ich nicht sehe, ob die heutige verbindung gut heraus kommt. henu, wir bleiben dran!

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wer sich in die niederungen der verwaltungsonlinekommunikation traut, findet hie & da ein kleinod. wir hoffen ja immer noch, dass die schweiz dereinst mit gewohntem pathos eine gesetzliche regelung ihrer vielsprachigkeit erhält. leider ist dafür nicht das uvek (umwelt, verkehr, energie, kommunikation) zuständig sondern das edi.

kürzen wir uns also das warten mit dem lesen einer schreibe für eine rede (Eine Rede über die Sprache, Bundespräsident Moritz Leuenberger, Eröffnung des Lucerne Festival, 10. August 2006) ab:

Es ist ganz klar: Dieser Fisch will uns etwas sagen. Was?

1. Der erste Pol: Ich drücke mich aus – Die Identität

Aus dem Mund des Fisches steigen Bläschen. Der Künstler hat sie nicht wie in einem Comic mit einem Text versehen. Wir müssen also – wie bei jedem grossen Kunstwerk – selber erfühlen, was der Fisch uns wohl sagen will. Was wir sehen, ist: Der Fisch drückt Bläschen aus, also atmet er, also lebt er.


Das ist auch bei uns Menschen so: Was wir fühlen und denken, drücken wir in Sprache aus. Dieser Ausdruck ist die erste Bedeutung der Sprache:


Die Redewendung „ausdrücken“ ist wohl nicht zufällig einem körperlichen Prozess entlehnt. Der sprachliche Ausdruck ist ein mühsamer, oft schwieriger Prozess, denn damit wir uns überhaupt ausdrücken können, müssen wir die Gefühle oder die Überzeugung in Gedanken fassen und diesen dann die Worte geben.


Wir haben ein Musikstück ganz genau im Kopf, doch wir können es, wenn wir die CD im Laden bestellen wollen, der Verkäuferin kaum vorsummen. Vielen geht es mit der Sprache so.

Vielleicht kenne Sie das: Sie werden vor offenem Mikrophon etwas gefragt und es kommen Ihnen mehrere mögliche Antworten in den Sinn. Welche soll ich aussprechen? Wenn ich mehrere äussern will: Mit welcher soll ich beginnen?


Das kann zu einer Verstopfung der Gedanken führen, zu einem stummen Ringen mit Worten. Verheerend für einen Politiker, denn es bedeutet das Verdikt: Er ist „arenauntauglich“! Das heisst umgekehrt, arenatauglich ist, wer schnell irgendetwas aus dem Mund zu schiessen vermag – es muss sich gar nicht um einen eigentlichen Gedanken handeln.


Es geht uns wohl allen hin und wieder so: Wir erkennen beim Hören einer Rede, beim Lesen eines Gedichtes oder Romans unsere eigenen Empfindungen: „Das ist genau das, was ich meine, aber was ich nicht sagen konnte.“


Oder: Zwei Menschen nebeneinander:


„Was hast du soeben gedacht?“ – „Nichts!“


Stimmt das? Oder vermögen wir, was uns soeben beschäftigte, einfach nicht ans Tageslicht zu holen und in Worte zu kleiden?


„In Worte kleiden“. Sprache ist das Design der Gedanken. Das Design formt den Inhalt: Indem wir unsere eigenen Gefühle und Gedanken in Worte fassen, erkennen wir sie erst.


Mit der Sprache drücken wir aus, was sich in unserer Seele abspielt. Georges Arthur Goldschmidt hat diesem Prozess ein Buch gewidmet: „Als Freud das Meer sah.“ Dort beschreibt er die Sprache als die Schaumkrone der See, von welcher sich das Wort Seele ableitet. Sie führt uns in das Unergründete, zu den Sedimenten, wo sich in komplexen Schichten und Verwerfungen Unbewusstes, Gefühle, Herkunft, individuelle und gemeinschaftliche Erfahrungen komprimiert haben.


Wenn die Sprache Ausdruck der Seele ist, liegt es nahe, den umgekehrten Weg gehen zu wollen und durch die Sprache, die Seele, oder doch wenigstens das Bewusstsein zu verändern. Immer wieder ist versucht worden, mit moralischem oder staatlichem Druck eine innere Haltung via Sprachgebrauch zu erreichen.


Kann das gelingen?

Politische Korrektheit

Versucht wird es mit dem so genannten politisch korrekten Sprachgebrauch.

· Es gibt die Beispiele aus der DDR, wo religiöse Ausdrücke verbannt werden wollten: „Weihnachtsengel“ wurden zu „geflügelten Jahresendfiguren“, „Osterhasen“ zu „Frühjahrsschockoladenhohlkörpern“.

· Als Verkehrsminister habe ich gegenwärtig ein Problem: Die Schmalspurbahnen vom Brünig und dem Kanton Graubünden wollen nicht mehr so heissen, weil Schmalspur im übertragenen Sinn zu oft abschätzig gebraucht werde. Sie wollen Meterspurbahnen heissen. Nun warten wir also, bis der erste Politiker als Meterspurpolitiker verhöhnt wird und schauen dann nach einer neuen Bezeichnung für die Brünig- und die Rätische Bahn.

· Fremdarbeiter wurden zu Gastarbeitern, Neger zu Schwarzafrikanern, „Dicke“ zu „horizontal Herausgeforderten“.

· Ich wurde kürzlich darüber belehrt, dass es keine „Fürsorge“ mehr gebe sondern Sozialhilfe, der Fürsorge haftet offenbar etwas Verwerfliches an.

· Aufschlussreich ist die Benennung der älteren Generation aufschlussreich: „Alte“ galt eines Tages als politisch verpönt. Wir mussten zu den „Senioren“ wechseln. Sie waren bald auch wieder überholt. Bald mussten wir von „Betagten“, später dann von der „3. Generation“ oder der „4. Generation“ sprechen. Damit die gegenwärtig bald Alten nicht merken, dass sie doch schon recht alt sind, sagt man jetzt nicht mehr „Seniorenresidenz“, sondern „68er WG“.

Diese rasche Abfolge von Etikettenwechseln zeigt, dass die negative Einstellung zur Sache selber das Problem ist und nicht der verbale „Ausdruck“. Statt also ständig die Etikette zu wechseln, müsste es gelingen, die innere Einstellung zum Inhalt zu ändern.

Deswegen sind zum Beispiel Homosexuelle den umgekehrten Weg gegangen und bekannten sich zu einem eigentlichen Schimpfwort über sich selber, nannten sich „Schwule und Lesben“ und kämpften so um ihre Reputation.


Mit der Sprache allein kann also unsere Einstellung zur Sache nicht geändert werden, aber, wie immer beim Verhältnis zwischen Design und Inhalt kann die Diskussion um die Form, das heisst um den Sprachausdruck einen Teil darstellen, um einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Das Recht auf Muttersprache

Es gibt allerdings brutalere Methoden, die Sprache als Herrschaft über die Seelen einzusetzen als mit der moralischen Diskussion über politische Korrektheit. Denken wir an die sprachlichen Umerziehungen im Elsass, in Polen, der Kurden. In der Schweiz ist die Trennung des Juras vom Kanton Bern auch auf die damalige Sprachenpolitik des Kantons Bern zurückzuführen


Umgekehrt ist mancher Befreiungskampf mit der Muttersprache geführt worden. In den baltischen Staaten haben führende Persönlichkeiten im Untergrund ihr altes Sprachgut und die tief verwurzelte Gesangskultur ganz besonders gepflegt. Es war ihre Hoffnung, an die sie sich während der sowjetischen Unterdrückung gehalten hatten und die sie dann auch für die Befreiung ihrer Länder einsetzten. Präsident Lennart Meri von Estland und die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga sind Beispiele.


Die katalanische Sprache wird ganz bewusst als ein politischer Motor für die Dezentralisierung Spaniens eingesetzt.

Eine andere Form von Sprachherrschaft zeigt sich an internationalen Verhandlungen:

Es ist eine falsche Anpassung, die mehr mit Unterwürfigkeit als mit Weltgewandtheit zu tun hat, wenn jedermann glaubt, englisch sprechen zu müssen, vor allem dann, wenn er es nicht beherrscht.


Es gibt aber einen Prozess der Emanzipation zu beobachten. Vertreter mächtiger Länder, Chirac, Schröder, Putin, sprechen stets in ihrer Muttersprache, auch wenn sie durchaus englisch können. Vertreter aus kleineren Ländern sprachen nach der Wende zunächst allesamt englisch, entdecken jetzt aber ihre eigene Würde und sprechen heute vermehrt in der eigenen Muttersprache.


Das Recht, seine Muttersprache zu erlernen und sich ihrer zu bedienen, ist ein Menschenrecht.


Dem Sprachimperialismus jeder Herkunft und der globalen Sprachverarmung sollten wir eine lebendige Vielfalt der Sprachen entgegensetzen. Ob eine Sprache wie chinesisch von mehr als einer Milliarde Menschen oder ob rätoromanisch lediglich von ein paar zehntausend Menschen gesprochen wird, kann nicht ausschlaggebend sein. Denn die Achtung einer Sprache ist auch die Achtung des Individuums und der Würde des Menschen.


Das Recht auf Muttersprache widerspricht auch der Gleichung: „Eine Sprache – eine Nation“. Die Schweiz erbringt den Beweis.


Ein Land mit vier Sprachen ist aufwändig zu organisieren. Die Eidgenossenschaft könnte viel Geld sparen, wenn sie die Abstimmungsbotschaften nur in einer Landessprache abfassen müsste. Und auch die Fernsehgebühren wären niedriger, wenn wir nicht zwei Kanäle für die französisch und italienisch sprechende Schweiz hätten. Doch wer so denkt, verkennt das Wesen unseres Staates, der alle Sprachgruppen gleich behandelt.

2. Der zweite Pol: Du und ich sprechen miteinander – Der Dialog

Unübersehbar hält unser Fisch eine Fahne hoch, eine Flossenfahne, die ihn zum Fabelwesen des Sommers 2006 prägt, zu einem Notenfisch. Wie ein Kapitän den Heimathafen seines Schiffes mit einer Flagge oder ein Seeräuber seine Absicht mit einem Piratenwimpel kund tut, so signalisiert uns der Notenfisch mit der Fahne seine Bedeutsamkeit – nämlich ob er eine ¼-Note, eine halbe oder eine ganze Note ist.

So wie man auch Bundesräte in halbe und ganze Portionen einteilt.

Ob Bundesrat oder Musiknote, die Gewichtigkeit lässt sich nie absolut festlegen. Immer geschieht es in Relation zu den anderen. Die Note hat nicht nur Selbstzweck, sie tritt in eine Beziehung mit einem zweiten Pol.


Sprache dient der Verständigung. Ich spreche, damit du mich verstehst. Dazu muss ich begreifen, was du verstehst, wenn ich spreche, denn vielleicht verstehst du etwas anderes, als ich sagen will und wir reden aneinander vorbei. Dieser Verständigungsprozess, das Suchen nach einer Sprache, unter der alle dasselbe verstehen, ist die Basis jedes Dialogs.


„Ich bin falsch verstanden worden.“ „Sie verstehen mich miss.“ „Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt.“ Das sind häufige Sätze nicht nur in politischen Diskussionen.


Es kann sich nur erklären, wer auch verstanden wird. Darum erlernt er die Sprache seines Gegenübers und fühlt sich so in dessen Denken ein.


Das braucht Erfahrung und Zeit.


Karl Valentin fragte ein schreiendes Neugeborenes: „Wo hast du denn Schmerzen? So red doch endlich.“ Der Hebamme, die ihn aufklärt, ein Säugling könne doch nicht sprechen, erwidert er: „Aber deuten könnte es doch wenigstens, deuten.“

Sprache im engeren Sinn

Dabei ist zunächst die Sprache als solche selber für das richtige gegenseitige Verständnis wichtig.


Vor etwa 20 Jahren besuchte ich mit einer Reisegruppe China. Der Dolmetscher begrüsste uns im Car und sagte: „Dort drüben können Sie schon Ihr Hotel sehen. Dort werden Sie umgebracht.“ Wir wurden dann glücklicherweise nicht um- , sondern untergebracht.


Die 1. August Ansprache des Bundespräsidenten an TV und Radio erfolgt dreisprachig. Regelmässig ergibt es grosse Schwierigkeiten mit der „Heimat“. Sie ist partout nicht zu übersetzen, denn das französische „patrie“ beschränkt sich auf das Vaterland und trifft unsere Vorstellung nicht. In meiner Not fragte ich vor fünf Jahren meine Mutter, die mir riet, Heimat mit „foyer“ zu übersetzen, also mit Herd. Das führte allerdings auch zu Irritationen; warum ich von einem Cheminéefeuer gesprochen hätte, wurde ich gefragt.

Dieses Jahr sprach ich deshalb nicht mehr über Heimat, sondern über Glück.

Sprache im weiteren Sinn

Es geht nicht nur um die wörtlich Bedeutung der Sprache:

· Wenn UNO-Generalsekretär und Gentleman Kofi Annan auf seinem offiziellen Besuch in der Schweiz bittet, seine Hände waschen zu wollen, drängen ihn natürlich unmittelbarere Bedürfnisse. Auf alle Fälle hat ihm die gebrachte Schale mit Wasser nicht geholfen und Bundesrat Deiss musste sich als diplomatischer Übersetzer einschalten: „Zeigt ihm endlich die Toilette!“

· Eine besonders schwierige Form des sprachlichen Ausdruckes ist die Ironie. Sie besteht darin, dass wir von der Wahrheit abweichen, jedoch so, dass es der Gesprächspartner merkt. Die so gemeinsam gefundene Ebene neben der Wahrheit bietet den Gesprächspartnern eine Spannung, an der sie sich gemeinsam freuen können. Merkt das Gegenüber aber die Ironie nicht, kann das zu schrecklichen Missverständnissen führen. Ironie gegenüber einem grösseren Publikum, zum Beispiel an Radio und Fernsehen ist beinahe nicht möglich. Sie hängt auch sehr vom gewählten Tonfall ab und ist schriftlich sehr viel schwieriger zum Ausdruck zu bringen als mündlich.

· Die besten Japanisch- oder Chinesisch-Kenntnisse führen nicht zu einer konstruktiven Verständigung, wenn wichtige Rituale wie das Entgegennehmen von Visitenkarten mit einer oder zwei Händen nicht geübt sind.

Sich in eine andere Sprache hineindenken

Der Dialog kann einerseits scheitern, weil unser Gesprächspartner eine fremde Sprache spricht, die wir nicht verstehen. Es kann aber auch unter Gleichsprachigen misslingen, wenn wir Begriffe mit unterschiedlichen Wertvorstellungen verbinden. Jeder Kulturraum gibt Begriffen einen anderen Inhalt. Wollen wir die anderen verstehen, so müssen wir auch ihre Seelen achten. Wir müssen ihre Gefühle, Prägungen und Vorstellungen erkunden. Wir müssen eine Ahnung davon haben, wie es in ihrem See aussieht, wo ihre Untiefen und Sandbänke, ihre geheimen Zuflüsse und die gefährlichen Wirbel sind. Nur dann können wir begreifen, weshalb ein einziges Wort auf einem spiegelglatten See Sturmwellen auslösen kann.


Sich nicht in die Kultur und Sprache des anderen hineinzudenken, kann vom Sprachimperialismus zu Imperialismus führen. Wer an der Hoffnung arbeitet, dass ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten möglich ist, muss dem Dialog der Kulturen und Religionen allererste Priorität einräumen und sich daher auch in andere Wertvorstellungen hineindenken. Wer nur in der eigenen Kategorie des Entweder – Oder, von Schwarz oder Weiss, Gut oder Böse denkt, kann keinen Dialog führen. Er monologisiert an seinem Gegenüber vorbei.

3. Der dritte Pol : Einbezug des und der Anderen – Die abstrakte Regel

Der Notenschlüssel unserer Fischnote hat sich verfangen. Sie würde sich gerne mit anderen Noten zusammentun, um mit ihnen gemeinsam zu klingen. Doch ein gemeinsames Klangspiel kann erst harmonieren, wenn sich alle auf eine gemeinsame Tonart oder eine gemeinsame Sprache geeinigt haben.


Zusammenklang heisst griechisch Symphonie und nach einer solchen sehnt sich unser Fisch ja vielleicht.


Auf lateinisch heisst aber das gleiche Wort Konkordanz. Kämen Gäste nach Luzern, wenn im KKL eine Konkordanz gespielt würde? Z. Bsp. Das Konkordanzorchester Berns spielt die Konkordanz für Pauken und Trompeten in B dur? Oder das hohe C-minor? Oder könnten wir umgekehrt eine Symphoniedemokratie vertreten und ein Symphonieprinzip, an das sich der Bundesrat halten soll?


Wir sehen: Zuerst müssen wir uns auf die Sprache einigen oder, wie unser Fischlein sagen würde, auf die Tonart.


Gibt es eine Sprache, die für alle gilt?

Es drängt sich bei der Eröffnung eines Musikfestivals auf, die Musik als gemeinsame Sprache zu feiern. Wir geben uns unmittelbar nachher der Musik hin, lassen uns von ihr verführen und berauschen. Die Musik berührt unsere Herzen ganz unabhängig von unserer politischen Haltung, ideologischen Position oder sozialem Rang. Sie spricht Gefühle an und ergänzt so unser begriffliches Denken, das wegen des unvollkommenen Verstandes immer unvollständig bleibt.


Und doch ist mir die Vorstellung, Musik könnte Grundlage für gemeinsame Verständigung sein, zu schwärmerisch, wenn nicht kitschig.

· Es gibt ja Musik aus anderen Kulturen, die uns verschlossen bleibt und die wir sehr viel aufwändiger verstehen lernen müssen als eine Sprache. Wenn ich an dieselbe Reise nach China zurückdenke, wo im Programm ein Opernbesuch vorgesehen war, die Cars aber alle schon nach der ersten Pause wieder ins Hotel fuhren, weil ein Europäer ohnehin nie länger bleibe.

· Und gerade mit Musik erfolgen auch Abgrenzungen und Aggressionen gegen andere Gruppen. In den USA führen Rapper-Gangs zwischen Ost- und Westküste regelrechte Kriege, oft mit tödlichem Ausgang.
Jugendliche wählen bewusst Musikstile, um sich von den Eltern abzusetzen und zu distanzieren. Und je nach Gesinnung grenzen sie sich auch unter einander ab. Wie war doch unseren Lehrern der Jazz verschlossen und wurde als Negermusik betitelt (ein Einwand, den wir nur damit parieren konnten, die Walzer von Strauss stammen von Zigeunern).

· In Rainer Werner Fassbinders „Lilli Marlene“ hörten wir, wie eine melancholische Melodie durch leichte Verschiebung der Synkopen zu einem zackigen Marsch der Nazis uminstrumentalisiert wurde.

· Ich sehe (gerade wegen diesem letzten Beispiel) ein gewichtigeres Misstrauen gegen das Klischee von der Musik als vereinende Kraft.
Gerade weil sie einen unmittelbaren Zugang zur Seele hat, ist sie ebenso vielfältig wie diese und kann alle Facetten und Abgründe ansprechen, in denen der Wolf in uns zuhause ist. Und sie kann diesen auch wecken. Musik kann es auch bloss auf die Emotionen absehen und sprachlos machen.
Um nicht einfach die tieferen Schichten wogen zu lassen, brauchen wir fixe Griffe, an denen wir uns hochziehen können, gültige Begriffe, auf die wir uns einigen und mit denen wir Regeln schaffen können.

Es gibt nicht nur „ich“, der ich mich ausdrücke, nicht nur „du“ und ich, die wir miteinander sprechen, uns streiten oder einigen, es gibt auch „er, sie, es“, „die anderen“, „das andere“: Andere Völker, künftige Generationen, die Umwelt. Wenn wir sie schützen, sie einbeziehen, sie verpflichten wollen, stellen wir Regeln auf, abstrakte Gesetze oder Gebote, die für alle gelten.


Mit der Sprache kann der Mensch abstrahieren, um eine politische Idee, eine wissenschaftliche Theorie, eine Religion zu entwickeln.


Mit der Sprache schaffen wir Gebote und Gesetze.

Die Fähigkeit zu verallgemeinern, in Begriffen zu denken, zu umschreiben, zu definieren, die Welt zu begreifen, das alles ist nur mit der Sprache möglich. So wie die Sprache die Gedanken der Menschen ordnen und disziplinieren kann, können Regeln zu einem friedlichen Zusammenleben verpflichten.


Es gibt ein Misstrauen gegenüber internationalen Konferenzen wie die Klimakonferenz oder die WTO, an denen einfach gesprochen wird. Ich selber kenne diese Abwehrreflexe auch. Und doch weiss ich: es muss zunächst die gemeinsame Basis mit Worten gefunden werden, bevor zu Taten geschritten werden kann. Dazu ist es nötig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Das kann bei der Tischordnung beginnen und zuweilen lächerlich anmuten, doch geht es darum, dass die vielfältigen Kulturen dieser Erde sich auf eine gemeinsame Tonart einigen müssen, sonst gibt es keine Harmonie.


Das Medium der Politik ist vor allem die Sprache „Verhandeln“ ist eine der Haupttätigkeiten der Politik. Verhandeln ist handeln – im Medium der Sprache. Verhandelt wird mit Worten. In der Politik wird um Verträge, oder Verfassungen verhandelt: Alles Ordnungen, die in Sprache gefasst sind, bei denen oft um jedes Wörtchen gefeilscht wurde.


Und seien wir froh darum: Oft herrscht Krieg und Schlachtgetöse, wenn nicht mehr verhandelt, sondern nur noch gehandelt wird. Dann sprechen die Waffen, bis sie wieder durch Verhandlungen zum Schweigen gebracht werden.


Zwar kann Sprache auch berauschen und verführen, vor allem wenn sie verkürzt, wenn sie Zusammenhänge ausblendet und einfache Lösungen vorgaukelt. Wie jedes Mittel, das uns die Vernunft zur Verfügung stellt, kann sie als Lüge, als Verbrechen eingesetzt werden.


In der Sprache jedoch, welche Zusammenhänge erkennt und ausdrückt, liegt die Hoffnung, die Zukunft der Menschen gestalten zu können und Worte wie Frieden nicht zu Hülsen verkommen zu lassen.


Es gibt Werte, die in allen Zivilisationen und Religionen verankert sind. So ist das, was wir als kategorischen Imperativ bezeichnen, auch in allen grossen Weltreligionen formuliert. Solche allseitig erarbeitete Grundwerte und Grundregeln können wir in der Sprache und mit der Sprache harmonisieren.


Das Unbewusste in der Tiefe des Wassers kann eingegrenzt werden durch die präzisen Begriffe der Sprache. Es kann und soll das Unkontrollierte gehoben werden und den Regeln der Sprache zugeführt werden, um die Lichtprobe der Vernunft zu bestehen.


Dies ist die dritte Dimension der Sprache:


Am Anfang war das Wort. Das Wort ist die Quelle, um die Welt begreifen und sie vernünftig gestalten zu können.


Und so ahnen wir, was uns unser schöner Fisch sagen will: Erst wenn der Notenschlüssel entwirrt ist, erst wenn eine Regel für das Zusammenleben geschaffen ist, erst wenn die dritte Dimension berücksichtigt wird, kann er eine Beziehung zu anderen Fischnoten finden und mit diesen eine Symphonie bilden.

Oder eine Konkordanz.